Rückblick: HDW-Group Radler bei der Vätternrundan 2004
Armin Quante, Eckernförde

Bei der 300km Runde um den Vättern-See am 19.6.2004 haben wir mit einem 7-köpfigen Team der HDW-Group (HDW/KAB/HFCS) teilgenommen.

Einige von uns werden diese Runde in 2-3 Jahren wieder mitfahren, vielleicht kann ja dieser Rückblick den einen oder an deren von euch dazu motivieren, oder davon abhalten selbst mal mitzufahren. Dieses Jahr waren dabei: Ola Persson / Emil Asker (KAB), Marc Kickulies (HFCS), Jürgen Lüder / Peter Meyn / Klaus Möller / Armin Quante (HDW)

Klaus, Peter, Jürgen (siehe Bild rechts mit HDW-Kiel im Hintergrund) und ich machten uns am Donnerstagabend dem 17.6.04 per Stenaline-Fähre auf die Reise nach Göteborg. Vorteil war, dass wir am frühen Freitagnachmittag rechtzeitig und ausgeruht in Motala eintrafen. Von der Stärkung durch das Buffet auf der Fähre mal ganz zu schweigen.

AbfahrtDen vereinbarten Campingplatz am grünen Rand von Motala mussten wir eine Weile suchen. Zum Glück sprach Klaus ganz gut schwedisch, so konnten uns die Einheimischen eine Weile in ihrem Ort herum dirigieren. Im Laufe des Nachmittags traf dann noch Marc und seine Frau aus Hamburg ein. Nachdem auch unsere schwedischen Kollegen Ola und Eric aus Malmö kurz darauf auf dem Campingplatz eintrafen, war das Team komplett.

Die Anmeldung war sehr gut organisiert. Ca.30 Sekunden anstellen, Zettel abgeben und Tüte mit allen notwendigen Utensilien empfangen – fertig. Die Anmeldereihen der Frühstarter waren etwas länger, aber auch da ging es relativ schnell voran.

Wir besorgten uns auf dem Radsportmarkt noch die letzten Zubehörteile wie z.B. Reflektoren oder Powerriegel. Klaus konnte ich aufgrund des Wetters dazu überreden eine ¾-Radhose zu kaufen, er sollte es nicht bereuen.     



Knapp 17.000 Teilnehmer waren gemeldet. Die ganze Stadt war mit Rädern, Zelten und Campern übersäht. Ähnliche Verhältnisse wie bei der HEW-Cyclassics. Überall Radsportler eben, allerdings alles einen Hauch rustikaler als die jährliche High-Tech-Rennhorde in Hamburg. Die Anmeldung war wie erwähnt sehr gut organisiert, die restlichen Lokalitäten erinnerten eher an eine große RTF, nicht aber an ein traditionelles Radrennen mit regelmäßig 17500 gemeldeten Startern. Auf einer Wiese war ein kleines Zelt aufgebaut. Das war die Pasta-Ausgabe. Gegessen wurde unter freiem Himmel. So fanden wir uns zum Nudelfassen unter dem Schutz eines Tankstellendaches wieder. Denn es regnete sich langsam ein, und die Temperatur fiel. Eine Tatsache der wir uns langsam stellen mussten. Aber vom Kneifen ist in der Gruppe keine Rede, wir  sind entschlossen die Rundan durchzuziehen.

Unser Starttermin war Samstag früh um 4:54 Uhr. Der offizielle Startschuss war Freitagabend 20 Uhr. Um 19 Uhr wurde aber schon eine Spezialtruppe von ca. 50 Senioren auf die Bahn gelassen um den Asphalt warm zu fahren.

Während diese Truppe die erste Blaubeersuppe in Hästholmen auftankte, schauten wir uns in der Versammlungshütte auf dem Campingplatz das Fussballspiel der Europameisterschaft zwischen Schweden und Italien an. Aus voller Überzeugung feuerten wir die schwedische Nationalmannschaft an. Danach gings ab in den Schlafsack.

Die ganze Nacht über regnete es. Das Zelt hielt dicht, aber ein leichtes Grausen mit den Gedanken an den Start verhinderten einen erholsamen Schlaf. Immer wieder hörte ich wie sich Leute fertigmachten. Die ganze Nacht über wurde gestartet. Endlich 3:30 Uhr, Aufstehen. Kleines Vitaminfrühstück, Taschen mit diversen Dooping-Utensilien aufgefüllt, letzter Check der Räder, Gruppenfoto damit wir wissen wie wir vorher im Gesicht ausahen, dann rollten wir langsam zum Startbereich. Im Startvorfeld gab es noch diverse Getränke und einen Fahrradreparaturdienst, ansonsten war alles komplett abgebaut was am Vortage noch an eine große Radsportveranstaltung erinnerte. Wir stellten uns ca. 15 Minuten vor dem Start in die zugewiesene Startbox. Jeder Startblock besteht aus 70 Teilnehmern, gestartet wird im 2-Minuten Takt. Der zu startende Block wird dann kurz vorm Start auf ein größeres Startvorfeld gelassen. Dann werden ein paar Worte über diesen Startblock verloren, z.B. ob ein Vättern-Veteran dabei ist, oder Gruppen aus anderen Ländern. Hallo! Die deutsch-schwedische HDW-Group hatten sie nicht auf Reihe. Lag vielleicht auch daran, dass wir kunterbunt daherkamen und überhaupt nicht als Gruppe erkennbar waren.



v.l.n.r.  Ola, Armin, Peter, Jürgen, Klaus, Mark, Emil


Samstag 4:54 Uhr, die Reise beginnt. Eine dicke Honda-Goldwing geleitet uns durch die Strassen, wir fahren direkt dahinter (hüstel). Hinter uns eine kleine Traube von ca.60 Radlern. Nach der letzten Brücke biegt der Motorradfahrer links ab, wir werden nach rechts auf die Ausfallstrasse in Richtung Süden geleitet. Es geht los, das Tempo geht sofort hoch. Wir halten mit. Die Strassen sind nass, es regnet leicht. Der Regen wird leider immer stärker, und bald sind wir völlig durchnässt. Nach ca. 20km hört es auf zu regnen, nach und nach kommt sogar die Sonne etwas durch. Das Tempo geht noch weiter hoch, Züge bilden sich. Zwei kräftige Schwestern fahren mit fliegenden roten Zöpfen an mir vorbei, gleich danach noch eine, allerdings mit blonden Zöpfen. Nach etwa 30km habe ich fast Puls 170. Nicht etwa wegen der Zöpfe, ich fühle mich plötzlich alt, ...wünsche mir auch Zöpfe. Die Gruppe zerfällt. Ich kann es nicht glauben dass wir noch 270km vor uns haben, und trotzdem so Tempo gemacht wird. Alter Schwede!

Gerade noch sehe ich wie Klaus ca. 15 Meter vor mir aus dem Sattel geht und einem Zug hinterher fährt, Marc und Ola sind auch irgendwo da vorne mit dabei. Noch weiß ich nicht das ich diese drei Kollegen erst frisch geduscht wieder sehen werde. Peter überholt mich, ich bleib an ihm dran und wir fahren zügig hinterher, versuchen den Anschluss etwas zu halten. Es geht nicht, wir verlieren den Sog und kommen nicht mehr ran. Emil hat gleich nach dem Start auf gemächlich geschaltet und fährt weit hinter uns. Jürgen müsste auch irgendwo vorne sein, ich kann mich nicht erinnern ihn überholt zu haben – Waaahhh, ich bin der Letzte!


Wir fahren bei der ersten Verpflegungsstelle nach km43 raus und halten nach Jürgen Ausschau. Kurz darauf kommt er an. Er war hinter uns! Ich beruhige mich innerlich etwas. Erste Bekanntschaft mit der berüchtigten Blaubeersuppe. Ein klebriges süßliches Gebräu, das gerade noch lauwarm über einen Schlauch aus einem Hochbehälter in Becher abgefüllt wird. Nach einem kurzen Kommunikationsproblem finden wir uns dann zu dritt auf dem Weg nach Süden wieder.


Kurz vor Huskvarna kommen wir durch einen Ort dessen Durchfahrt komplett mit kleinen Pflastersteinen ausgelegt ist. Wer etwas Zeit hat, kann hier seine Radausrüstung ausbessern. Überall liegen potentielle Ersatzteile herum. Angefangen von Lampen über Klingeln, bis hin zu Schutzblech ist alles dabei. Es sind hier in den letzten Stunden schliesslich etwa 13.000 Radfahrer durchgekommen. Wir mit etwa 2000 Leuten im Rücken sind fast die Nachhut. Der restlichen Strecke sieht man den Herdentrieb allerdings auch an. Ein Band von Trinkflaschen, Verpackungen der, Power- und Müsliriegel und sonstigen Abfällen zieht sich um den Vättern. Die Strassenreinigung wird ordentlich etwas zu tun haben.

Wir haben mit dem Regen noch nicht genug Flüssigkeit, und halten an jeder Verpflegungsstelle an um Wasser aufzutanken, oder um etwas von den pappigen Brötchen und den sauren Gurkenscheibchen zu kauen. Mindestens 10 Liter Flüssigkeit soll man nach sportärztlicher Empfehlung während des Rennens aufnehmen. Brav wird diesem Rat nachgegangen, mit Wasserbauch geht es mit ca.30er Tempo weiter in Richtung Südspitze des Sees. Das Wetter ist besser geworden. Die Straßen trocknen stellenweise schon, und auch die Klamotten sind jetzt etwas durchgetrocknet. Immer wieder können wir eine traumhafte Aussicht über den Vättern genießen. In weiter Ferne sehen wir manchmal das Ufer auf der anderen Seite. Ist dieser See riesig! Nach 109km erreichen wir die erste größere Verpflegungsstation in Jönköping. Kurz vorher muss man nochmal richtig in den Wiegetritt um die kurze Steigung zu packen. Hier gibt es in einer riesigen Lagerhalle die berüchtigten Würstchen auf Kartoffelbrei, wahlweise mit Senf, Ketchup oder einer anderen nicht richtig zuordnungsbaren Masse. Typische Sportlernahrung eben.

Endlich gibt es auch Bananen, und natürlich die unvermeidliche Blaubeersuppe. Als wir aus der Halle kommen fängt es wieder an zu regnen. Der Regen wird immer stärker, dicke Wolken ziehen auf und es wird zappenduster. Die Strecke war bisher relativ flach, einige kleine Hügel, jedoch keine erwähnenswerten Steigungen.

Die nächste Etappe, 31km nach Fagerhult, empfinde ich als den anstrengendsten Abschnitt. Es geht fast nur bergauf und es regnet in Strömen, teilweise sogar wolkenbruchartig. Zeitweise verlieren wir uns im dichten Regen etwas. Das Wasser läuft uns auf der Strasse in Bächen entgegen. Triefend und ungläubig trete ich endlose Hänge hinauf, suchend nach einem Ausweg aus dieser Situation. Aber die einzigste Lösung heißt "weiterfahren".  Endlich kommen wir an der Station Fagerhult an. Hier sind interessante Lösungen zu bewundern, wie man sich gegen die Nässe schützen kann. Es werden Plastiktüten und Klebeband ausgegeben. Rad fahrende Mülltüten verlassen den Platz. Einige haben sich sogar den Helm abgeklebt.


Jürgen zeigt auf dem Höhenprofil das jetzt ein längeres Gefälle kommen müsste. Es geht zwar nicht bergauf, aber ein echtes Gefälle bemerken wir bis zum nächsten Hauptverpflegungspunkt in Hjo nicht. Peter ist inzwischen vorgefahren. Wir nehmen uns vor kräftesparend weiterzufahren und reden uns ein: "In der Ruhe liegt die Kraft". Gemeinsam fahren wir so um die 27km/h. Bei km178, endlich in Hjo angekommen, fühlen wir uns überhaupt nicht wohl. Ein starker und kalter Wind weht über die Seepromenade herein. Ausgerechnet dort ist die Wassertankstelle aufgebaut, und 150m landeinwärts steht das Lasagne-Ausgabezelt. In diesem schumrigen kleinem Zirkuszelt essen wir heiße Lasagne und eisig kaltes Frischgemüse, passt also bestens zu den übrigens Bedingungen des Rennens. Alles in allem, ein schaurig bis uriges Vergnügen.


Wir sind froh als wir wieder endlich aus Hjo rausradeln. Allerdings kommen wir nur schwer wieder in Fahrt und fühlen uns dabei nicht gerade wie Rennfahrer. Es fehlt jetzt nur noch die Radfahrerin, die uns mit Einkaufskorb am Lenker überholt. Dieser Alptraum tritt zum Glück nicht ein. Das Schild „120km bis Motala" passieren wir ohne jede Gemütsveränderung. Ich höre Jürgen ächzend rufen: "Armin, wir schaffen das!". Gedrungene Antwort: "Jo du, wir schaffen das!"

An diesen Teilabschnitt zwischen Hjo und Karlsborg kann ich mich kaum mehr erinnern, nur das es ständig regnete. Die Wolkenbrüche sind in einen nervenden Dauerregen übergegangen. Die Landschaft ist abwechslungsreich - typisch schwedisch eben, wie man es aus Filmen, Büchern und IKEA-Werbung kennt. Ein Hügel nach dem anderen. Manchmal geht es kilometerlang bergauf, aber natürlich auch runter. Das hat allerdings den Vorteil, dass der Tacho auch mal über 30 geht. Und das kann eine leicht angeschlagene Radrennfahrerseele schon etwas aufbauen. Die Temperatur ist inzwischen unter 10°C gefallen. Ca. 8-9°C noch. Schulter und Nacken die ab km120 schmerzten, spüre ich nicht mehr.

Aufgrund des Dauerregens ist mir die Schutzbrille lästig, ich kann einfach nichts mehr erkennen, und klemme die Brille am Lenker zwischen den Bowdenzügen fest. Dann, auf einem dusteren bewaldeten, leicht abfallenden Weg, fällt die Brille plötzlich runter, und wird Millisekunden später vom Hinterrad hingerichtet. Ich trage es mit Fassung, jetzt bloß nicht deswegen anhalten.
Meine Finger fangen an zu kribbeln, kein gutes Zeichen. Zwischendurch habe ich zweimal eine Phase bei der ich am liebsten einfach alles hinschmeißen möchte. Ich überlege was das bedeuten würde (abgesehen vom anschliessenden Frust wegen dem Abknicken).
Die Alternative würde so aussehen:
Im strömenden Regen bibbernd warten bis man irgendwann von einem Servicefahrzeug aufgegabelt wird. Dann würde man zu einem Sammelpunkt gefahren, wo man auf den Bus wartet. Dann mit dem Bus gute 100-200km zurück nach Motala (Blase voll Wasser). Das Rad liegt hinten im Anhänger unter einem Berg weiterer Räder.

Ein halbes Dutzend dieser Reisebusse randvoll mit Abknickern ist uns schon entgegengekommen. Nein! Nix da, weg mit diesen Gedanken! Auch mein treues Müsing-Izalco hat so eine Behandlung nicht verdient. Weiterfahren ist einfach die bessere Wahl. "Jürgen?"... "Jaa?"... "du ich glaub wir schaffen das, oder?"..... "Tjo..."

Irgendwie geht es trotzdem weiter. „90km bis Motala"! Dieses Schild löst etwas in mir aus. Ich bekomme auf einmal neue Luft. Die nächsten 30km laufen prima, ich habe sogar wieder richtig Spaß beim Radeln. Inzwischen sind wir zu Lumpensammlern geworden. Immer wieder hängen sich einzelne Radler an uns ran. Zum Teil Kerle mit stämmigen Beinen und hochroten Köpfen. Einer fährt mir aus Unachtsamkeit beim Bremsen an einer Strassenmündung hinten rein, und wir wir liegen beide wie Maikäfer auf dem Rücken. Sofort entschuldigt der Schwede sich auf deutsch. Auch wenn er einen kurzen Konzentrationsaussetzter hatte, so hat er offensichtlich während unserem Sturz einen deutschen Kraftausdruck vernommen. Ich bin ihm nicht böse, das hätte mir genauso passieren können. Wir sind ja beide ziemlich fertigt. Nachdem wir an unseren Rädern zum Glück keine ernsten Schäden feststellen, können wir beide weiterfahren. Jürgen hat ebenfalls angehalten, gemeinsam geht es nun mit zunächst etwas wackeligen Beinen weiter. Eine Weile hält der eine oder andere unserer Verfolger unser mörderisches Tempo, dann verschwinden sie wieder langsam hinter uns, im nebligen Dunst der schwedischen Waldwege. Nur selten werden wir noch überholt, und es läuft nun eigentlich ganz gut, bis zu dem Zeitpunkt an dem wir Margit, Yvonne und Vibke überholen, drei dänische Radfahrerinnen aus Rønnede. Während wir an ihnen langsam vorbeifahren, verstehe ich, wie sie sich über Gartenschirme unterhalten. Nach über 250km radeln im Regen haben die kein anderes Thema! Es hätte mich eigentlich stutzig machen müssen! Aber ich kenne ja diese Charaktere aus Seeland, meine Frau kommt auch von dort. Die fahren das Ding zu Ende, egal was kommt. Prinzip Sturheit siegt :-)

Das mit den 10 Litern Flüssigkeitsaufnahme kann einfach nicht stimmen. Im Bauch gluckert das Wasser, wegen der Kälte verdampft es nicht auf der Haut. Dem Körper ist nicht zu warm, sondern teilweise einfach zu kalt. Die daraus resultierenden kleinen Zwischenstopps werden immer häufiger. Zunächst lacht Jürgen mich noch aus, später stehen wir gemeinsam am Waldrand: "Öh, beißen Elche?" Schlimm ist halt, die Dreiergruppe Däninen überholt uns dabei jedes Mal laut plappernd. Anschließend überholen wir sie natürlich wieder, wir sind schließlich richtige Rennfahrer! Dieses Spiel geht so weiter bis kurz vor Motala. Als wir sie dann das letzte Mal überholen, verstehe ich an den paar herüberfliegenden dänischen Brocken, dass sie sich gerade irgendwie über Obstsorten unterhalten, "Vitaminer". Bevor sich diese Damen endgültig zu einem Trauma entwickeln, hauen Jürgen und ich lieber noch einen Schlag rein. Viele Reserven sind da nicht mehr, aber immer noch genug um an der letzten Verpflegungsstation vorbeizufahren. Es war ohnehin ein Fehler bei jeder Station anzuhalten. Der Körper kühlt einfach zu sehr aus. Der Erholungswert auf den windigen Verpflegungsplätzen, die keinerlei Schutz vor dem Regen leisten, ist vernachlässigbar. Und die Blaubeersuppe kommt uns längst aus den Ohren heraus. Genau genommen fühlen wir uns auf dem Rad wohler als auf den klammen Rastplätzen.

Allerdings ist jeder Rastplatz ein kurioses Schauspiel für sich, und ein Stopp auf diesen Plätzen gehört auch irgendwie dazu. Die überwiegend aus Schweden bestehenden Teilnehmer nehmen es erstaunlich locker. Die Schweden sind bekanntlicherweise ein etwas reservierter Menschenschlag. Hier ist nichts von dieser Eigenschaft zu merken. Die Teilnehmerschaft wird durch viele Dänen und Deutsche aufgelockert. Die Deutschen stellen traditionell die stärkste ausländische Teilnehmergruppe, immer dicht gefolgt von den Dänen. Ich improvisiere mit dänisch, mit ein paar schwedischen, englischen und deutschen Brocken. Für die Schweden ist die Vätternrundan ein Volksfest, sie haben ganz sichtlich ihren Spaß daran, und sie lassen sich dieses Erreignis durch den Regen nicht verderben. Wie die Stimmung wohl erst bei gutem Wetter ist? Auch die Anwohner nehmen trotz Regen herzlich teil. Immer wieder trifft man ganze Familien mit Regenschirmen (oder auch ohne), die uns am Wegesrand stehend zujubeln. Alles dabei, vom Großvater mit Enkel auf den Arm, bis zum kleinen Mädchen das schüchtern von einem Strassenwall herunterwinkt. Auch der Hobbyprediger darf nicht fehlen, der bei orginellen Sprechgesang und Orgelmusik jeden einzelnen der vorbeiradelnden Vättern-Schwestern und -Brüdern eine Weihung verpasst..

Die letzten 20km führen überwiegend durch ein Waldstück, abseits der Hauptstrasse. So entkommen wir endlich etwas dem strammen Gegenwind, den wir seit Erreichen des nördlichen Seebereichs haben. Es geht öfters mal ein Stück bergab, wir kommen wieder etwas in Schwung. Letzte Kraft wird frei, Wasserflaschen ausgedrückt, einige völlig Entkräftete überholt. Bei einigen wundere ich mich, wie die sich überhaupt noch auf dem Rad halten könnten. Bei einem Radfahrer den wir überholen, bin ich mir nicht ganz sicher ob er wach oder bewusstlos ist, und das es irgendwie nur noch Reflexe sein können die ihn in vorm Umkippen bewahren. Er will es schaffen! Wir überholen auch Leute, die der Startnummer nach schon etwa 20 Stunden unterwegs sein müssen. Langsam, aber tapfer fahren sie dem Ziel entgegen. Auf einem Halteplatz neben der Fahrbahn hat es sich ein Radfahrer gemütlich gemacht. Er liegt rücklings auf dem Asphalt und schläft. Das Rad steht ordentlich abgestellt neben ihm. Der Kopf ruht auf seinem Rucksack und der Regen plätschert ihm ins Gesicht. Ich weiß nicht ob ich ihn bedauern oder beneiden soll. Jetzt bloß nicht mehr absteigen, der nächste Stopp heißt Motala!

Meine linke Hand hat sich nun entgültig abgemeldet. Ich kann damit weder schalten noch bremsen. Mit dem Daumen der rechten Hand ziehe ich den linken Hebel für den Umwerfer auf das vordere kleine Kettenblatt und schalte von nun an nur noch rechts, mit dem Ritzelkranz, denn es geht ständig bergauf und bergab. Aber auch in der rechten Hand kribbelt es schon kräftig. Regelmässige Arm- und Handbewegungen helfen ein wenig weiter. Jürgen murmelt etwas von Knieschmerzen. Helm schräg auf dem Kopf, zerzauste Haare, triefend nass, und mit schlaff heruntergerutschten Knielingen sieht er richtig verwegen aus.
Wir fahren wieder auf dem breiten Seitenstreifen entlang der Hauptstrasse, als Motala vor uns auftaucht. Ein vorsichtiger Blick nach hinten, keine Däninen in Sichtweite. Jetzt aber ab durch die Mitte. Während wir so entlang dem Seitenstreifen radeln, rollt langsam ein Konvoi von VW-Bussen an uns vorbei, hintendran Anhänger voll mit Fahrrädern. Auch diese Busse sind randvoll mit Abknickern. Sie schauen beleidigt zu uns rüber, einige schlafen. Jetzt bloss keine Schwäche zeigen, wir gehen noch mal aus dem Sattel, um zum Spass das Tempo ein wenig mitzuhalten. Hee, da geht ja doch noch was! Längst fahren wir nur noch mit den Kopf. Uns ist jetzt klar: "Ja, wir schaffen das!"
Die letzten Kilometer durch Motala ziehen sich jedoch schier endlos hin. Wir peden was das Zeug hält, mal ist Jürgen vorne, mal ich. Hinter jeder Kurve könnte das Ziel sein.

Es ist ca. 20 Uhr abends. Ungefähr 15 Stunden nach unserem Start, und nach netto 12,5 Stunden im Sattel taucht die Zielgerade vor uns auf. Zwei Dänen liefern sich vor uns noch lachend einen halbherzigen Endspurtkampf. Jürgen und ich fahren gemächlich auf das Ziel zu, und genießen den Augenblick in dem wir nebeneinander über die piependen Transponderschleifen rollen. Mir kommt alles vor wie in Zeitlupe. Knapp 200 tapfere Schweden stehen im Zielbereich und jubeln uns im Nieselregen zu. Kaum durchs Ziel, werden wir abgefangen. Gleich ist jemand da, hält das Rad fest, während ein anderer mir den Transponder am linken Bein abnimmt (ich kann es nicht mehr selbst). Dann werden wir durch einen Spalier von einigen Damen geschoben die uns die Vätternmedalie umhängen. Geschafft!

Wir können keine Flüssigkeit mehr aufnehmen, verzichten auf das Freibier und radeln langsam zurück zum Campingplatz. Peter ist gut 1,5 Stunden vor uns angekommen, er kommt gerade vom Duschen. Klaus rennt rum als könnte er schon wieder losfahren. Der Dreiertrupp Klaus, Marc und Ola hat es richtig gemacht. Sie kamen fast 4 Stunden vor uns an, haben wenig Pausen und viel Tempo gemacht und sich so warm gehalten. Trotzdem kam Ola mit Unterkühlungen an und musste im RK-Zelt aufgepäppelt werden. Er hatte viel zu wenig angezogen, bzw. sich morgens durch die Sonne täuschen lassen. Dabei hat er einen Teil seiner Klamotten bei der ersten größeren Station abgegeben.
Mit unserer Ankunft hört es endlich auf zu regnen….

Wir sind die Letzten unserer Truppe die Motala erreichen. Emil ist längst vor uns angekommen. Allerdings nicht aus eigener Kraft. Er musste er die Tour bei km200 wegen Knieproblemen beenden.

In der Nacht nach der Tour hatte keiner von uns irgendwelche Schlafstörungen. Selbst ein kleiner Alptraum mit dänischen Radlerinnen konnte mich nicht wecken.


Am nächsten Morgen begrüßte uns die Sonne und ein strahlend blauer Himmel – Wusste ich es doch, alles nur geträumt.....


Die ersten Tage nach der Vätternrundan war ich hungrig und etwas gleichgültig was die Vätternrundan betrifft. Aber dann spürte ich sie, die Sucht! Vorsicht alle die es auch versuchen wollen, das Ding macht süchtig. Die 2005er Jubiläums-Vätternrundan kann ich leider aus Zeitgründen nicht mitfahren, ich fiebere daher schon der 2006er Tour entgegen.

Nachtrag:

Die Vätternrundan-Organisation verkündete einige Tage später, dass es sich dieses Jahr um die wettermäßig zweithärteste Runde in 39 Jahren handelte. Es kann somit also fast nur noch besser werden. Von den 17.500 Teilnehmern gingen knapp über 15.000 an den Start. Viele blieben nachts einfach im Zelt liegen. Etwas über 13.000 Teilnehmer fuhren die Tour zu Ende. Doppelt so viele Teilnehmer wie gewöhnlich gaben unterwegs auf und mussten eingesammelt werden. Es gab keine schweren Stürze, nur ein mündlicher Bericht über einen einzelnen Radfahrer der stürzte und verletzt im Krankenwagen mitgenommen wurde. Kein Vergleich zur HEW-Cyclassics (bei etwa gleicher Teilnehmerzahl).

Das Feld der Teilnehmer ist weit auseinandergezogen. Gedränge gibt es praktisch nicht. Größtenteils wird auf den breiten markierten Seitenstreifen der normalen öffentlichen Strassen gefahren, gelegentlich auf kleineren Nebenstrecken. Die Strassen sind für die Vätternrundan nicht abgesperrt. Das Auto-Verkehrsaufkommen ist jedoch im Vergleich zu den Verhältnissen in Deutschland sehr gering. Bis auf ganz wenige Ausnahmen (Berufskraftfahrer), nehmen die Schweden spürbar mehr Rücksicht auf die Radsportler als vergleichsweise die Autofahrer in Deutschland.